Wie Kalabrien entstand ...

Von den vielen Besuchern aus allen Ecken der Welt, die Kalabrien seit langer Zeit bereisen, wurde die schönste Beschreibung aller Eindrücke, die sich einem regelrecht aufdrängen, von Leonida Repaci (1898 – 1985) erstellt: Lasst euch verzaubern!

 

Als der Tag von Kalabrien kam, hatte Gott in der Hand 15.000km von grünem Ton mit violettem Abglanz. Er dachte, dass er mit diesem Ton ein Land von höchstens zwei Millionen Einwohnern schaffen könne. Von einer starken kreativen Energie erfüllt, versprach sich der Herr selbst, ein Meisterwerk zu schaffen. Er machte sich ans Werk und Kalabrien strömte aus seinen Händen schöner als Kalifornien und Hawai, schöner als die Cote d´Azur und die japanischen Archipele.

 

Er gab der Sila die Pinie, dem Aspromonte die Olive, Reggio die Bergamotte, der Meerenge den Schwertfisch, Scilla die Sirenen, Chianalea die Pfahlbauten, Bagnara die Weinlauben, Palmi die Feige, Pietrosa die Seeschwalbe, Gioia das Öl, Cirò den Wein, Rosarno die Orange, Nicotera den Feigenkaktus, Pizzo den Thunfisch, Vibo die Blume, Tirirolo die schönen Frauen, Mesima die Eiche, Busento das Grab des Barbarenkönigs, Amendolea die Zikaden, dem Crati das Wasser, der Klippe die Flechte, dem Felsen den Oleaster, den Bergen den Gesang des von einem Pferch zum anderen ziehenden Hirten, dem Steilhang den Ginster, den Ebenen die Traube, den Stränden die Einsamkeit, der Welle den Schimmer der Sonne.

 

Er gab Cosenza die Akademie, Tropea den Bischof, San Giovanni in Fiore den Handwebstuhl, Catanzaro den Damast, Antonimina den heilenden Fango, Agnana die Braunkohle, Bivongi die heiligen Wasser, Pazzano en Pyrit, Galatro das Sulfat, Villa San Giovanni die Rohseide, Belmonte den grünen Marmor.

 

Er schickte Pythagoras nach Crotone, Orpheus ebenfalls nach Crotone, Democede, Almeone, Aristeo und Filolao ebenfalls nach Crotone, Zaleuco nach Locri, Ibykus nach Reggio, Clearco ebenfalls nach Reggio, Kassiodor nach Squillace, San Nilo nach Rossano, Joachim von Fiore nach Celico, Fra´Barlaam nach Seminara, den Heiligen Franziskus nach Paola, Telesio nach Cosenza, Parrasio ebenfalls nach Cosenza, Gravina nach Roggiano, Campanella nach Stilo, Mattia Preti nach Taverna, Galluppi nach Tropea, Gemelli-Careri nach Taurianova, Guerrisi nach Cittanova, Manfroce nach Palmi, Cilea ebenfalls nach Palmi, Alvaro nach San Luca, Calogero nach Melicucca und Rito nach Dinami.

 

Er schenkte Stilo die Cattolica, Rossano den Patirion und das Purpurevangeliar, San Marco Argentano den Normannenturm, Locri die Pinakes und das Persephone-Heiligtum, Santa Severina das runde Baptisterium, Squillace den Tempel der Roccelletta, Cosenza die Kathedrale, Gerace ebenfalls die Kathedrale, Crotone den Tempel der Hera Lacinia, Mileto die Münze, ebenfalls Miletodie Basilika der Trinität, Santa Eufemia Lametia die Abtei, Tropea den Dom, San Giovanni in Fiore die Badia Florense, Vibo die Kirche San Michele, Nicotera das Kastell, Reggio den Artemis-Tempel, Spezzano Albanese die Nekropolis der frühen Eisenzeit.

Dann verteilte er die Monate und die Jahreszeiten in Kalabrien. Für den Winter gab er die Sonne, für den Frühling die Sonne, für den Sommer die Sonne und für den Herbst die Sonne.

Dem Januar gab er die Kastanie, dem Februar die Pignolata, dem März die Ricotta, dem April die Foccacia mit Ei, dem Mai den Schwertfisch, dem Juni die Kirsche, dem Juli die Feige, dem August die Zibebe, dem September den Feigenkaktus, dem Oktober die Mostarda, dem November die Walnuss und dem Dezember die Orange.

 

Er wollte, dass die Mütter sanft seien, die Frauen mutig, die Töchter zurückhaltend, die Söhne fantasiereich, die Männer angesehen, die Alten respektiert, die Bettler geschützt, dass den Unglücklichen geholfen sei, dass die Personen stolz, aufrichtig, gesellig und gastfreundlich und die Tiere geliebt seien.

 

Er wollte, dass das Meer immer violett sei, die Rose im Dezember blühe, der Himmel klar, das Land fruchtbar, die Ernte reichhaltig, das Wasser reichlich, das Klima mild und der Duft der Kräuter berauschend sei.

 

Als alle diese Dinge in der Gegenwart und in der Zukunft vollbracht waren, wurde der Herr von einer angenehmen Schläfrigkeit befallen, zu der das Wohlgefallen des Schöpfers an dem erreichten Meisterwerk hinzukam. Den kurzen göttlichen Schlaf nutzte der Teufel, um Kalabrien Unheil zu bringen: die Oberherrschaften, das Erdbeben, die Malaria, die Latifundien, die Fiumaren, die Überschwemmungen, die Peronoskopa, die Dürre, die Ölfliege, das Analphabtentum, den Ehrenpunkt, die Eifersucht, die angesehene Gesellschaft, die Rache, das Gesetz des Schweigens, die Gewalt, das falsche Zeugnis, das Elend, die Emigration.

Nach dem Unheil, die Notwendigkeiten: das Haus, die Schule, die Straße, das Wasser, das Licht, das Krankenhaus, den Friedhof. Dazu kam das Verlangen nach Gerechtigkeit, das Verlangen nach Freiheit, das Verlangen nach dem Großen, nach etwas Neuem, nach dem Besten. Und an dieser Stelle war der Teufel mit seinem Werk zufrieden, nun schlief er ein, während der Herr erwachte.

 

Als er die Augen aufschlug und das an seiner liebsten Schöpfung begangene Verderben in seinem ganzen Ausmaß erfassen konnte, schleuderte Gott den Bösen zornig in die tiefsten Abgründe des Himmels. Dann wurde er langsam wieder versöhnlich und sprach: „Diese Übel und diese Notwendigkeiten sind nun einmal entfesselt und müssen ihrer Bahn folgen. Aber sie werden nicht verhindern, dass Kalabrien so ist, wie ich es gewollt habe. Sein Glück wird mit mehr Schweiß erreicht werden, das ist alles.“

 

 

Utta a fa juornu c´a notti è fatta. – Eine Nacht, die schon die Morgendämmerung enthält.


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